• Josefine

Selbstliebe als Christ:in - ja, nein, vielleicht?

Beim Durchstreifen der christlichen Instagram-Landschaft fällt mir auf: beim Thema "Selflove" scheiden sich die Geister. Es gibt Gläubige, die leben nicht nur Selflove, sondern sie markieren diesen Begriff so ziemlich unter jeden ihrer posts mit #selflove und #selfcare; dann gibt es aber auch jene Christen, die überzeugt sind: Selbstliebe verkörpere Egoismus und ist letztlich auf die sündige Natur des Menschen zurückzuführen. Und zwischen den zwei Lagern gibt es auch noch etwas ... Ein Mix aus beiden ...


In diesem Blogeintrag will ich aufzeigen, dass man kein eifriger Verfechter der Selflove-Bewegung sein muss, um sich selbst lieben zu dürfen und damit trotzdem nicht in einen biblischen Widerspruch zu geraten.

Denn Vorweg gesagt: ein gesundes Maß an Selbstliebe ist für ein erfülltes Leben wichtig. Nicht nur für einen selbst, sondern auch für das eigene soziale Umfeld.


Stimmungsbild Instagram

Bevor ich zu meinen eigenen Gedanken komme, möchte ich ein Stimmungsbild aus einer Instagram-Umfrage vom 01.-02.03.2022 "auswerten":

Frage

"Ja" in % und Zahlen

"Nein" in % und Zahlen

Sind viele Christen Selbstliebe-feindlich?

60% | 358

40% | 241

#selflove & #selfcare ist eine Definitionssache?

​87% | 416

13% | 62

#selflove & #selfcare - biblisch oder nicht?

74% | 332

26% | 114

Ist es okay, wenn Christen behaupten, sie lieben sich selbst?

​86% | 433

14% | 70

Würdest du sagen, du liebst dich selbst?

67% | 342

33% | 166

Was ist eigentlich Selbstliebe?

Wenn wir uns im Klaren sind, was überhaupt dieser Terminus beinhaltet, wird es leichter sein eine Antwort zu finden; denn auf Instagram habe ich ganz schnell mitbekommen: Selbstliebe ist ein sehr dehnbarer Begriff ...

Meine Definition von Selbstliebe

Für mich ist "Selbstliebe" nicht nur eine Selbstakzeptanz, sondern eine liebevolle Wertschätzung meines eigenen Seins. Es ist die behutsame und bewusste Zuwendung zu meiner Körper-Seele-Geist-Einheit. Selbstliebe ist kein Egoismus, keine Selbstzentrierung, kein Narzissmus, keine Arroganz. Man darf den Begriff und seine Bedeutung für das Leben eines einzelnen Menschen nicht zwangsläufig mit der "selflove"-Bewegung gleichsetzen. Nicht jeder sich selbst liebende Mensch würde sich als "Selflove"-Anhänger:in bezeichnen. Und auch wichtig: Selbstliebe schließt nicht automatisch die Fähigkeit aus, andere Menschen lieben zu können. Menschen, die sich selbst liebevoll umarmen können, strahlen meistens diese Liebe auch auf ihr Umfeld aus. Nicht zu letzt sind es genau jene Menschen, die eine enorme Inspiration für andere sind.

Wenn ich an Selbstliebe denke ... bildlich ausgedrückt:


Quelle: https://www.thebodyshop.com/de-de/ueber-uns/aktivismus/self-love/a/a00038

Selbstliebe oder Selbstannahme?

Da viele mit dem Begriff SelbstLIEBE überfordert sind, möchte ich die Begriffe noch einmal gegenüberstellen: Selbstliebe und Selbstannahme sind nicht das gleiche. Die Selbstannahme ist eine Vorstufe von Selbstliebe. Wir sind der Selbstliebe aber schon näher, wenn wir uns wenigstens selbst annehmen können. Annahme ist die Akzeptanz oder auch Duldung eines Zustands - ob gut oder schlecht. Liebe hingegen ist eine Hinwendung. Den Begriff Selbstliebe mit Selbstannahme zu ersetzen erscheint mir auch semantisch nicht logisch: Es wäre doch äußerst merkwürdig, würde ich beispielsweise zu meinem Ehemann oder zu meinen Kindern (die ja auch meine Nächsten sind!!!) sagen: "Also annehmen tue ich euch - aber lieben ... naja ..."


Selbstliebe und die Bibel - ein Widerspruch?

Fragt man Menschen nach ihrer biblischen Begründung zum Thema Selbstliebe kommt als erstes immer das selbe Bibelzitat:

Jesus aber antwortete ihm: Das erste Gebot unter allen ist: »Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist Herr allein; und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deinem ganzen Denken und mit deiner ganzen Kraft!« Dies ist das erste Gebot. Und das zweite ist [ihm] vergleichbar, nämlich dies: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst!« Größer als diese ist kein anderes Gebot. (Markus 12:29-30)

Zugegeben: auf den ersten Blick kann ich die Skepsis hinsichtlich der Selbstliebe nachvollziehen, denn Vers 29 fordert uns ja auf, GOTT mit unseren ganzen Herzen und der ganzen Seele zu lieben. Andererseits möchte ich aber auch darauf hinweisen, dass dieser Vers kein Anlass zur Umkehrdeutung lässt: Jesus schließt damit nicht die Liebe zu anderen oder zu sich selbst aus. Das belegt Vers 30. Im Vers 29 ging es Jesus um die zentrale Bedeutung von Gott im Leben eines Menschen. Vers 30 handelt von unserer Beziehung zu unseren Mitmenschen und zu uns selbst. Es gibt Auslegungen, die behaupten, Jesus würde Selbstliebe schon impliziert haben, da jeder Mensch sich "sowieso" oder von "Natur aus" selbst liebe. Für mich persönlich nicht überzeugend, um daraus gegen Selbstliebe zu argumentieren - schon gar nicht mit meinem Background der Entwicklungspsychologie und den verschiedenen Einflüssen auf das Selbst. Es ist eine unausweichliche Realität, dass es Menschen gibt, die sich eben nicht oder unzureichend lieben. Ich glaube, Jesus war es im Vers 30 gleich wichtig, den Aspekt der Nächstenliebe und Selbstliebe hervorzuheben. Wie ich mir das auch linguistisch herleite beschreibe ich weiter unten. Wenn man eine automatisierte Selbstliebe aus diesem Vers impliziert; eine Selbstliebe, die jeder Mensch einfach besitzt, dann würde das heißen, dass entweder jeder sich auf dem selben Niveau liebt (und das ist offensichtlich ausgeschlossen) oder dass es Gott egal ist, wie viel oder wenig man seine Mitmenschen liebt (und das scheint mir auch echt nicht plausibel). Irgendwas muss dieser "Winker" mit der Selbstliebe doch auf sich haben?!?!


Kleine syntaktische& semantische Auseinandersetzung mit Markus 12:30

Man muss nicht wie in meinem Fall Germanistik studiert haben, um eine kleine syntaktische& semantische Analyse des Satzes "Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst!" vorzunehmen. Auffallend ist der Vergleichspartikel wie. Wie setzt eine gleichwertige Stellung und Bedeutung beider Satzkomponenten voraus; d.h. alles, was vor dem wie steht ist gleichbedeutend und gleichwertig (gleich wichtig) mit dem, was nach dem Vergleichspartikel folgt. Wenn Selbstliebe keine Rolle oder nicht annähernd gleich wichtig mit der Nächstenliebe ist, dann hätte Jesus doch den Satz auch einfach abkürzen können: "Du sollst deinen Nächsten lieben." - Wieso hat er dort keinen Punkt gesetzt?

Semantisch auffallend ist, alle mir bekannten Bibelübersetzungen benutzen das Wort lieben und nicht "mögen", "akzeptieren", "annehmen" etc. Der Fokus liegt auf dem Begriff lieben - und das als Tätigkeitswort (Verb); d.h. du sollst es tun! Ich möchte an dieser Stelle noch einmal die Kritik zum Begriff "SelbstLIEBE" aufgreifen. Warum tun wir uns so schwer damit, diesen Begriff zu akzeptieren? Die Antwort ist ganz einfach: Weil er gesellschaftlich korrumpiert wurde; weil er missbraucht und ausgenutzt wird und wir ein falsches Bild von Selbstliebe haben. Jesus hätte auch wirklich andere Wörter gebrauchen können, wenn es ihm am Herzen gelegen hätte uns von Selbstliebe fernzuhalten.

(Eine Auseinandersetzung mit dem Urtext liegt leider außerhalb meiner sprachlichen und theologischen Fähigkeiten; es würde mich doch aber sehr überraschen, wenn dort von etwas ganz anderem die Rede ist. Wer hierzu etwas beitragen kann, darf es sehr gerne in die Kommentare schreiben.)


Folgen von mangelhafter Selbstliebe

Ich glaube eine mangelhafte oder fehlende Selbstliebe wirkt sich immer negativ auf das Leben eines Menschen aus.

Ich behaupte: eine mangelhaft aufgeprägte Liebe zu sich selbst birgt mindestens genauso viel Schlechtes in sich, wie die Skeptiker in den Gefahren von Selbstliebe beobachten möchten. Absolut richtig ist, dass man hier von beiden Seiten des Pferdes fallen kann: Einerseits gibt Menschen, die eingebildet sind und Arroganz mit Selbstliebe verwechseln. Andererseits wirkt sich die Ablehnung von Selbstliebe auch auf das eigene Verhalten aus: ein negatives Selbstbild und ein schlechtes Selbstbewusstsein sind nicht selten die Folge - das soll Gottes Wille sein? Ich glaube weder noch.


Und genau diesen Aspekt des negativen Selbstbildes möchte ich aufgreifen: Denn eine Ablehnung von Selbstliebe ist für mich ein Paradoxon zur Aufforderung: Du bist ein Kind Gottes - lebe auch so. Ich soll mich als Kind Gottes identifizieren und schätzen - obwohl ich mein eigenes ICH, in dem Körper, in dem ich lebe und mit der Seele, mit der ich fühle, nicht lieben kann und darf? Ein ganz großes Fragezeichen wirft sich mir hier in den Weg.


Wie wir über uns selbst denken und wie wir uns selbst fühlen, wirkt sich auf unseren Körper und unseren Geist aus. Den Zusammenhang zwischen göttlicher Identität und Selbstliebe habe ich gerade oben beschrieben. Aber auch die körperlichen Auswirkungen der mangelhaften Selbstannahme und -Liebe sind enorm: Psychosomatische (psyché: Seele + soma: Körper) Erkrankungen sind mittlerweile keine selten gestellten Diagnosen. Wir können und dürfen nun endlich aufhören unsere Seele und den Körper derart zu verunglimpfen und dafür irgendwelche Bibelzitate als Rechtfertigung heranholen. Viele Leben sind von schrecklichen, meist traumatischen Erfahrungen durchzogen. Da benötigt es nicht auch noch den göttlichen Druck auf die Seele.

Willst du den Körper heilen, musst du zuerst die Seele heilen. (Platon)

Und wer doch noch eine biblische Bestätigung für einen guten Umgang mit dem eigenen Körper braucht, dem möchte ich 1.Kor. 6:19 ans Herz legen. Wir sind uns doch einig, dass der Körper ist nicht allein der Tempel des Heiligen Geistes ist, sondern auch der Sitz der Seele; ja, du darfst dich intensiv um sie kümmern!:


Oder wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des in euch wohnenden Heiligen Geistes ist, den ihr von Gott empfangen habt, und dass ihr nicht euch selbst gehört? (1.Kor 6:19)

"... und dass ihr nicht euch selbst gehört" bedeutet im Umkehrschluss nicht, dass wir uns nicht mehr um uns kümmern müssten - im Gegenteil! Wie heilig ist dieser Tempel. Ich liebe ihn. Ich pflege ihn. Ich hüte ihn. Ich mache mir Sorgen um ihn, wenn es an der "Fassade" bröckelt. Er ist mir nicht egal. Und ich schiebe diese Verantwortung auch nicht Gott zu, sich um ihn zu kümmern - es wurde mein Auftrag, als er mir den Geist des Lebens in den Körper hauchte!


Ich möchte an dieser Stelle das YouTube-Video "Gönn dir" von Dr. Johannes Hartl empfehlen.

Darin verweist Dr. Johannes Hartl auf einen weiteren, mir sehr wichtig erschienenen Vers aus Sprüche 4:23 :

Mehr als alles andere behüte dein Herz; denn von ihm geht das Leben aus. (Sprüche 4:23)

Dein Herz, das ist deine Seele. Und so wie du mit dir umgehst, wird es auch ausströmen. Ich schließe daraus, dass wenn wir uns nicht ausreichend lieben, wir damit einen folgenreichen Fehler begehen. Denn wir wertschätzen damit die Schöpfung Gottes an uns selbst nicht. Wieso dulden wir so etwas? Einen Grund sehe ich in der Angst davor egoistisch zu werden - Aber du kannst dich selbst überprüfen: deine Selbstleibe ist dann egoistisch, wenn du mit ihr anderen Menschen schadest und sie unter deiner Selbstliebe leiden.


Selbstliebe ist wichtig, aber auch nicht DAS Wichtigste


Selbstliebe oder wenigstens die Selbstannahme sind meiner Meinung nach wichtig, aber nicht das einzige, worum sich die Gedanken eines Christen drehen müssen. Genau darin liegt nämlich auch die potenzielle Gefahr: Dass sich am Ende alles um uns selbst dreht und wir den Fokus, nämlich Gott und dem "ihm immer ähnlicher werden" verlieren. Eine Followerin auf Instagram kommentierte wunderschön: "Selbstliebe macht nur Sinn, wenn es den Schöpfer in den Fokus stellt." - Was für den einen Paradox klingt, ist leicht erklärt: Wir lieben uns, weil Gott, der uns schuf, uns auch liebt.

Selbstliebe ist eine Voraussetzung für das Miteinander - aber sie wird uns nicht automatisch mitgegeben. Sie ist nicht DAS Wichtigste, aber sie ist auch nicht weniger wichtig als beispielsweise die Liebe zu unseren Mitmenschen.


Zusammenfassend gesagt: ich hoffe einfach, dass jeder für sich selbst und in seiner Situation weise entscheiden kann, wie viel Selbstliebe es bedarf, damit er nicht auf der einen oder anderen Seite des Pferdes falle. Sowohl Selbstverachtung als auch übertriebene Selbstliebe lenkt uns ab. Biblisch betrachtet sehe ich keinen Widerspruch darin, wenn Christen sich selbst annehmen und auch lieben. Im Endeffekt geht es doch darum, dass wir Jesus im Fokus behalten.


Ich bin Christin.

Und ja, ich darf mich lieben.

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