Beziehungen

Hier berichten euch Frauen über ihre krankhaften, zerstörerischen Beziehungen, den Folgen und von ihrem Weg dort hinaus. 

Okay... ich weiss gar nicht, was man als Anfang nehmen kann. Im Grunde beginnt ja alles im Kindesalter. Was sieht man bei den Eltern? Über was sprechen die Erwachsenen? Was wird gepredigt? Für was wird man gelobt, für was bestraft?
Ich komme aus einer russlanddeutschen, traditionell geprägten, baptistischen Familie. Lange Röcke, geschlossene Haare, kein Schmuck, kein Make-Up, keine ungläubigen Freunde. Und eins war ganz klar: Sexualität ist zum Kindermachen da und somit nur für die Ehe bestimmt. Der Mann wird in der Hochzeitsnacht schon wissen, was zu tun ist.

Eine Aufklärung zu dem Thema war undenkbar. Einmal fragte ich meinen Vater was "ficken" bedeutet (hab ich in einem Film aufgeschnappt)... Er schlug mir mit der Hand auf den Mund. Ich war 16... Mir war klar, das muss was ganz ganz Schlimmes sein. 
Im Aufklärungsunterricht wurde ich "krankgeschrieben". Ich war nicht einmal auf die Veränderungen meines Körpers in der Pubertät vorbereitet. Ich hatte eine tiefe Scham, was meinen Körper betraf, schon von Kindheit an. Meine Eltern fanden es toll. Ich war schließlich keusch. Im Sportunterricht zog ich mich immer auf der Toilette um und empfand meine körperliche Veränderung als große Schande. Brüste... Periode... Hüftfett... Die Blicke vom anderen Geschlecht. Alles, wie ein böser Fluch. 

Mit 21 schaute ich mit einem Freund dann einen Film. Was genau passierte, verstand ich nicht. Ich fing an zu bluten und schämte mich. Ich konnte nicht aufhören mich zu entschuldigen. Was ist passiert? Was darf ich nicht meiner Mama sagen? WAS SAGEN? Was hat er gemacht? Was habe ich gemacht? Ich lag doch nur auf der Seite, guckte den Film, rührte mich nicht, während er anfing mich zu berühren und komisch zu atmen. War das etwa Sex? Das soll Spaß machen?? Nein, niemals... Niemandem würde ich je davon erzählen!! Ich würde verstoßen werden. Aber was bedeutet es jetzt für mich? Ganz klar... ich muss ihn heiraten! Zu dem Zeitpunkt war er aber in einer Beziehung. D.h. er muss mit ihr Schluss machen. Wir müssen heiraten. 
Es wurden 7 1/2 Jahre voller Qualen und Missbrauch. Hat er mit seiner Partnerin Schluss gemacht? Ja. Nach einigen Jahren. War er je mit mir zusammen? Ich kann die Frage nicht beantworten... Wir haben im Geheimen zusammen gewohnt, sind miteinander verreist, haben miteinander geschlafen. Alles im Geheimen. "Das darfst du niemandem sagen." Natürlich nicht. Ich schämte mich doch schon für das was ich bin. Jetzt kam noch dazu, was ich machte. Ich wurde 2x schwanger vom ihm und habe 2x abgetrieben. Er wollte die Kinder nicht. Das wäre eine Schande. Ich würde damit seinen Namen besudeln. Weiterhin blieb er oft über Nacht weg. Er verlobte sich sogar mit einer im Ausland. Andere Mädels kamen auf mich zu und erzählten mir, sie seien mit ihm zusammen. Er habe sie sogar geschwängert und ebenfalls zu einer Abtreibung gedrängt. Mein "Zukünftiger"? Niemals. Das würde er nicht tun. (Ironie, denn das selbe machte es ja mit mir!) Ich habe irgendwann alle Freundschaften beendet (die, die nicht bereits von selbst gegangen sind), den Kontakt zu meiner Familie für Jahre abgebrochen. Und war nach wie vor fest davon überzeugt, dass er mich heiraten wird. Je mehr neue Frauen in sein Leben kamen, desto zerbrochener wurde ich. Wo ist der Sinn? Was mache ich falsch? Was stimmt nicht mit mir? Er nahm sich meinen Körper, wann immer er wollte. Ob ich schlief, duschte oder wir irgendwo zu Besuch waren. "Es heisst in der Bibel du musst demütig sein und dich nicht entziehen. Sonst brauchst du dich nicht wundern, wenn ich zu anderen Frauen gehe. Ein Mann braucht Es mindestens 1x am Tag" Mein Körper fing an zu reagieren. Ich fühlte mich nur noch wohl, wenn er weg war. Wenn er bei anderen Frauen war. Wenn er im Ausland war. Kaum zu glauben, aber aus extremer Scham und Angst, die mich schon mein ganzes Leben begleitet hat, sprach ich immer noch mit keiner Menschenseele darüber. Und wenn ich mich Nichtgläubigen versuchte zu öffnen, unterbrachen sie mich sehr schnell und sagten, ich müsse aus dieser Situation raus. Es sein keine Beziehung. Er sei ein Narzisst und ich sei ihm hörig. Es sei krank. Unsere Beziehung ist krank. Aber ich konnte nicht. Ich konnte nicht. ICH KONNTE EINFACH NICHT! 7 1 /2 Jahre. Und dann fing ich an zu beten: "Herr nimm mich weg von hier. Ich kann nicht mehr. Lass mich sterben oder schicke mir jemanden, der mich rausreisst. Ich schaffe es nicht alleine." Zu dem Zeitpunkt fing ich an mich zu betrinken und mich selbst zu verletzten. Aber nein, nicht ritzen. Was sollte ich denn den Menschen sagen, die es sehen? Ich fing an meinen Kopf gegen Wände zu schlagen, fast bis zu Bewusstlosigkeit. Anderen erzählte ich immer nur "Mir war schwindelig, ich bin gestürzt." oder "Bin gegen meine Dachschräge gelaufen." Mir war es egal, ob sie es glaubten.
Fast tot zerrte mich eine Freundin (die, wie ich jetzt weiss, durch Gottes Führung aus dem Ausland für einen Deutschkurs nach Deutschland kam,) in die Gemeinde. Das erste mal seit 4 Jahren. Die ersten Sonntage heulte ich nur durch währendder Predigt. Egal was der Pastor sagte, es traf mich Mitten ins Schwarze. "Du musst deinen Isaak Gott bringen. Das, was dir am Liebsten ist... Hänge dich an nichts, als an Gott allein. Du bist zur Freiheit berufen." Ich wusste wer mein Isaak war. Als mein "Zukünftiger" wieder einmal im Ausland war, packte ich seine Sachen. "Dieses Mal wird es das letzte Mal sein." Und so war es. Denn Gott schickte mir einen Menschen, der die Kraft war, als ich keine hatte. Jemanden, der mich unbeschreiblich stärkte und mit dessen Hilfe ich den Hard Cut durchziehen konnte. Jemanden, der bei den folgenden Annäherungsversuchen meines Ex, den Drohungen, der üblen Nachrede und den Treuebekundungen nicht von meiner Seite wich.

Mit diesem jemand bin ich seit 1 1/2 Jahren zusammen. Er hat mich mit samt meiner Vergangenheit genommen. Was ein Kontrast. Eine Beziehung ist wunderschön. Lieben ist wunderschön. Geliebt werden ist wunderschön. Ich habe wieder einen festen Freundeskreis, eine unbeschreibliche Gemeinde, Dienste, habe im Job 2 Beförderungen in 3 Monaten erhalten, bin finanziell und körperlich stabil. Und ich schäme mich nicht mehr krankhaft. Ich gehe ins Schwimmbad und in die Sauna. Ich trage weibliche Kleidung und weiss, was ich mag und was ich nicht mag. Ich liebe meine Monatsblutungen, ein großer Segen, wie ich jetzt weiss. Ich liebe meine Brüste, meinen Hintern... und alles andere an mir.
Und ich konnte mir meiner Vergangenheit zum größten Teil abschließen. Mit dem finanziellen, körperlichen und seelischen Missbrauch. 

Ja, die Wahrheit wird uns frei machen. Und ja, er macht alles neu. Und ja, durch seine Wunden sind wir geheilt. Und ja, er hört Gebete. 

Es gibt körperliche und seelische Heilung. Ich habe es erlebt!

Unser Gott ist der Größte. Amen!

Zur Seiner Ehre,

Natalie

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